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"Regiolekte verdrängen Dialekte"
Dialekte sterben nicht aus, aber sie verlieren ihre lokalen Besonderheiten. Denn der Einfluss der Globalisierung macht auch vor der Sprache nicht halt. Auch die Medien, allen voran das Fernsehen, verändern die deutsche Sprache nachhaltig.
Kategorie: Interview Erstellt am 10.02.2012.
Bayern, Südtirol und ganz Österreich (mit Ausnahme von Vorarlberg) haben eine große Gemeinsamkeit: Man spricht bairisch. Im Interview mit science.ORF.at spricht die Germanistin Alexandra Lenz über den bairischen Sprachraum, seine Dialekte und welche sprachlichen Besonderheiten ihr in Ostösterreich begegnet sind.
science.ORF.at: Sie beschäftigen sich mit Varietäten und Dialekten in der deutschen Sprache. Was ist das Besondere an Dialekten aus sprachwissenschaftlicher Sicht aus?
Alexandra Lenz: Dialekte zeichnen sich vielleicht dadurch aus, dass sie den größten Abstand zur Standardsprache aufweisen und dass sie kleinräumlich verbreitet sind, von Ort zu Ort. Das ist auch im Bewusstsein von Dialektsprechern verankert. "Wir hier im Ort sprechen so, aber einen Kilometer weiter im nächsten Ort sprechen die ganz anders." Aus wissenschaftlicher Sicht ist das kein komplett anderes Sprechen, aber Dialekte sind schon sehr kleinräumlich.
Alexandra Lenz
Alexandra Lenz ist Professorin der germanistischen Sprachwissenschaft an der Universität Wien. Hier beschäftigt sich die Dialektologin seit 2010 mit Varietäten der deutschen Sprache.
science.ORF.at: Und welche Funktion hat die Standardsprache?
Alexandra Lenz: Die Standardsprache hat eine großräumliche Verbreitung und fungiert als überregionale Orientierungsnorm. Denn die Verbreitung von Standardsprachen hat ja maßgeblich mit dem Interesse zu tun, eine Sprachform zu finden, die möglichst überall oder zumindest in einem großen Sprachraum verstanden wird.
science.ORF.at: Es wird oft prognostiziert, dass Dialekte langsam aussterben. Stimmt das?
Alexandra Lenz: Das Spannende ist, dass diese Befürchtung seit Jahrhunderten in der Literatur diskutiert wird. Und trotz dieser jahrhundertealten Befürchtung haben wir immer noch Dialekte vorliegen. Und wir sehen ja auch, unter anderem in der Schweiz, dass Dialekte situations- und schichtunabhängig ihre Funktion im Alltag sehr wohl erfüllen.
science.ORF.at: Aber gibt es nicht immer weniger Dialekte?
Alexandra Lenz: Es ist nicht so, dass das regionale Sprechen aufhört, aber vielleicht hört das lokal markierte Sprechen auf. Also, dass jeder Ort seine lokalen, exklusiven Merkmale aufweist. Dass Sprache etwas ist, was sich verändert, steht ohne Zweifel fest. Es geht hin zu großräumigen Formen des regionalen Sprechens, von Dialekten hin zu Regiolekten
science.ORF.at: Welche Rolle spielen die Medien - das Fernsehen, der Hörfunk – bei der Veränderung der Sprache?
Alexandra Lenz: Insbesondere bei der Oralisierung, im Bereich der Mündlichkeit haben auditive Medien einen enormen Einfluss. Bevor es auditive Medien gab, war der Interpretationsraum noch viel größer, wie ich denn bestimmte Buchstabenkombinationen ausspreche. Wie spreche ich denn eine Kombination aus E und U aus? Wie spreche ich denn eine Kombination von S und P am Wortanlaut aus, sage SCHPITZE oder SSPITZE. Früher gab es eine viel größere Variation der Aussprache von Schriftdeutsch.
science.ORF.at: Sie beschäftigen sich momentan mit sprachlichen Varietäten im bairischen Sprachraum, also Österreich (mit Ausnahme von Vorarlberg), Bayern und Südtirol. Die "Verdopplung" ist ein Kennzeichen dieses Sprachraums. Worum handelt es sich dabei?
Alexandra Lenz: Eigentlich versuchen sich alle Sprecher im Alltag eher einfach und reduziert auszudrücken. Bei der Verdopplung ist das Gegenteil der Fall. Und im Bairischen gibt es viele solcher Verdopplungen. Zum Beispiel die doppelte Verneinung. "Ich hab gestern kein Fleisch gegessen", einfache Verneinung. "Ich hab gestern kein Fleisch nicht gegessen", doppelte Verneinung. Oder doppelte Artikel: "Heute haben wir aber ein schönes Wetter" im Gegensatz zu "Heute haben wir ein ganz ein schönes Wetter". Es wird auch die Nebensatzeinleitung verdoppelt. "Ich weiß nicht, ob dass der Hans mich heute besuchen kommt". Das sind drei Phänomene im Bereich der Grammatik, der Syntax, die im bairischen Sprachraum vorkommen, und nicht nur in Dialekten, sondern bis in die gesprochene Standardsprache hinein. Und das ist den Sprechern und Sprecherinnen oft nicht bewusst.
science.ORF.at: Sie haben sich in ihren sprachwissenschaftlichen Arbeiten intensiv mit "Besitzwechselverben" beschäftigt. Warum?
Alexandra Lenz: Es gibt bestimmte Aktionen, die im zwischenmenschlichen Handeln, egal in welcher Kultur, von besonderer Bedeutung sind. Und der Transfer von Dingen zwischen Personen ist eines dieser ganz grundlegenden Konzepte. Und das spiegelt sich auch in der Sprache wieder. Diese Verben kommen auch im Spracherwerb sehr früh. "Ich möchte etwas haben. Gib mir das. Ich will auch etwas kriegen." Weil das die Primäraktionen sind, die auch zwischenmenschlich passieren.
Und diese Verben werden auch metaphorisiert. Ich benutze das Wort "geben" nicht nur, um auf eine ganz konkrete Transferaktion zwischen mir und meinem Gegenüber zu referieren, sondern auch für die unterschiedlichsten übertragenen Konzepte. Ich kann sagen, "heute gibt es aber schlechtes Wetter." Und das hat nichts damit zu tun, dass irgendwer jemandem schlechtes Wetter gibt. Ich kann sagen: "Das wird Ärger geben", ohne dass irgendwer irgendwem diesen Ärger "gibt".
science.ORF.at: Hat das Wort "geben" gerade im Bairischen eine wichtige Funktion?
Alexandra Lenz: "Geben" markiert insbesondere den Ostösterreichischen Sprachraum. Es wird hier als Positionierungsverb benutzt. Das sind Verben des Stellens, Setzens, Legens. "Ich lege ein Buch auf den Tisch. Ich stelle die Tasse ins Regal. Ich setze einen Hut auf den Kopf." In Ostösterreich kann ich das alles mit "geben" ersetzen. "Ich gebe ein Buch auf den Tisch, eine Tasse ins Regal, einen Hut auf den Kopf." Und in Ostösterreich kann ich mit "geben" auch ein "wegnehmen" ausdrücken. Ich kann ein Buch auch aus dem Regal geben.
Wir haben dazu eine Studie mit dem Max-Planck-Institut in Nijmegen gemacht. Den Probanden wurden Videos gezeigt, wo Menschen Dinge irgendwohin stellen, setzen oder legen. Zum Beispiel eine Frau, die eine Kerze aus einem Kerzenhalter herauszieht. Österreichische Studierende haben diese Szene schriftlich beschrieben: "Sie gibt die Kerze aus dem Kerzenhalter". Diese Verwendung des Wortes "geben" kommt in anderen Regionen wesentlich weniger oder gar nicht vor.
science.ORF.at: Sie sind seit 2010 an der Universität Wien. Mit welchen Projekten beschäftigen sie sich momentan, was ist in Planung?
Alexandra Lenz: Wir bauen gerade ein Netzwerk auf: bairisch across borders, in dem sich alle ForscherInnen versammeln, die sich mit den bairischen Varietäten beschäftigen, und zwar in Österreich, in Südtirol, in Bayern und anderswo. In diesem Netzwerk tauschen sich bereits 30 Kollegen und Kolleginnen aus, und das sollen natürlich mehr werden.
Und wir arbeiten gerade an einem Varianten-Wörterbuch der deutschen Sprache. An diesem Projekt sind Österreichische, Deutsche und Schweizer Sprachwissenschaftler beteiligt, aber auch Kollegen aus Rumänien oder Südtirol. Die Lexik des Deutschen soll in allen Ländern, in denen Deutsch Standardsprache oder Minderheitensprache ist, erfasst werden.
Interview: Marlene Nowotny