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Wie ich ein Meerschweinchen suchte und einen Pharao fand

Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 51 Beiträge ] 

1. Feb 2010, 15:48

 
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Ein bisschen erinnert mich Said an meinen Vati - der kennt irgendwie alles und jeden, obwohl er erst seit Oktober in Wiesbaden lebt. Da gibt es was billiger, dort hat er was gut... :) Ich finde es cool :).

Aber für dich als Ehefrau muss das Ganze doch irgendwie anders sein.


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1. Feb 2010, 16:41

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@Waldveilchen. Meine Mutti ist vor zwei Jahren als Hundertjährige gestorben. Sie war immer ein lustiger und aufgeschlossener Typ.

Meine Tochter ebenso wie Du introvertiert. Die hat oft gelitten unter den Menschensammlungen.

@ Evanesca Ja, für mich war das um es mal in neudeutsch auszudrücken very strange.


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1. Feb 2010, 16:43

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Inzwischen war ich ein bisschen mehr schwanger und Said träumte von einem eigenen Geschäft, wie fast jeder Orientale. Irgendwo vor einem kleinen Laden sitzend und auf Kundschaft wartend.

Irgendwann kam er nach Hause, erzählte mir, dass er beim Fladenbrot kaufen auf einen Israeli gestoßen war, der einen kleinen winzigen Blumenladen in Berlin- Friedenau besaß. Von dem Thema des Blumenladenkaufs war mein Mann von nun an geradezu besessen. Immer wieder machte er Pläne, wie er das Geschäft denn gestalten würde.

In seinen Gedanken standen die Nelken schon im Schaufenster und die Ladenkasse klingelte unentwegt.
Natürlich hakte ich nach und wollte wissen, wie viel er denn überhaupt von geschäftlichen Dingen verstünde.

Ganz viele Ägypter, noch ein paar Dutzend mehr als bisher suchten uns nun tagtäglich auf und besprachen mit Said diese Angelegenheit. Zwischendurch wurde dann auch mal ein deutsches Wort eingeworfen. Das war wichtig. Denn nur ich konnte den Laden pachten. Er als Ausländer mit einer einjährigen Aufenthaltsgenehmigung hatte dazu nicht das Recht.

Was den Betrieb in unserer Wohnung anging, hätte meine Mutter ihre Wohnung beim Gewerbeamt als Teestube anmelden können. Aber so was konnte sie nicht erschüttern. Mir dagegen rauchte der Schädel, denn das was ich an arabischen Sprachkenntnissen hatte beschränkte sich auf SALEM U ALEIKUM und dem Wort SCHEI was Tee bedeutete.
Ich muss sagen, ich war nicht so überzeugt von den geschäftlichen Fähigkeiten meines spontanen Mannes.

Irgendwann gab ich auf und machte etwas von meinem Erbe locker, tat etwas für die ägyptisch-israelische Freundschaft und pachtete den kleinen Blumenladen.
Wie ich schon anfangs mal sagte, die Träume meines Mannes sollten immer zu meinen Albträumen werden, aber das wusste ich damals noch nicht. Ein paar Monate später....
Ich war jetzt ganz doll schwanger und die Entbindung stand unmittelbar bevor.

Mein Said bekam fürchterliche Ohrenschmerzen. Er erzählte mir, dass er sich zu Zeiten des 6-Tage-Krieges mit einer Stricknadel das Trommelfell zerstochen hatte, um nicht in Stiefeln ohne Schnürsenkel in den Krieg gegen die gut ausgerüstete israelische Armee ziehen zu müssen. Seit dem müsse er ab und zu mal ins Krankenhaus und sich operieren lassen.
Ich war begeistert. Er ging nach Steglitz in das damals sehr moderne Klinikum.

Und mein Leben nahm völlig neue Qualitäten an.
Morgens um 3.00 Uhr klingelte der Wecker, ich flitzte ohne Frühstück nach Katzenwäsche runter auf die Straße, da stand Chamis, ein sehr netter Ägypter schon mit seinem kleinen Auto und wartete auf mich. Er arbeitete mitten in der Stadt in einer Musikkneipe am Savignyplatz.

Er hatte dort eine eigene Salatbar und morgens um 2.00 Uhr Feierabend. Fuhr zu mir in den Grunewald und brachte mich nach Kreuzberg zum Blumengroßmarkt. Von dort ins Geschäft, wo wir zusammen die Blumen und Pflanzen herrichteten. Er fuhr dann nach Hause. Mittags kam meine Mutti, löste mich ab.

Ich fuhr meinen Mann im Krankenhaus besuchen und danach löste ich wieder meine Mutter ab. Ich dachte manchmal schon, ich würde mein Kind im Doppeldecker Omnibus bekommen. Denn es waren täglich über 100 KM die ich so zurücklegte.
Nach acht Wochen, hatte ich die Nase voll. Ich besuchte mal wieder meinen Patienten und als er mich fragte, was denn der Laden so mache? Fragte ich ihn „Welcher Laden“? Wir haben keinen Laden mehr. Den habe ich verkauft. Und das hatte ich auch gemacht.


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1. Feb 2010, 17:26

 
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Hochschwanger hast du dir so viel Streß angetan?? :shock :shock Ein Wahnsinn!!!! :shock: Wo eine werdende Mutter doch viel Ruhe braucht. Ich hätte das nicht können.
Das war eine verrückte Idee mit dem Blumenladen.

Deine Mutter hat ein gesegnetes Alter erreicht und hatte enorm viel Humor, als sich ihre Wohnung in eine Teestube verwandelte. :wink:


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1. Feb 2010, 17:34

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Waldveilchen, die nächsten 18 Jahre war es nie wieder ruhig. Immer spannend


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1. Feb 2010, 17:36

 
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Das hätte ich nicht durchgehalten! :shock: :shock:


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1. Feb 2010, 17:39

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Wir brauchten dringend eine Wohnung. Die, in der Said gewohnt hatte eignete sich wenig für eine Familie, denn sie lag mitten im Rotlichtviertel Berlins. Das war ihm beim Einzug gar nicht so aufgefallen.

Einer unserer Trauzeugen, ein Libanese, war vereidigter Dolmetscher bei Gericht und besaß außer einer Villa in einem Berliner Nobelbezirk auch noch ein oder zwei Miethäuser.
Das war die Gelegenheit zu einer Wohnung zu kommen. Inzwischen war unser Sohn Said geboren und wir lebten gewissermaßen immer noch getrennt.

Mein Mann nahm als echter Orientale die Sache selbst in die Hand und ich dachte, das wird schon klappen.
Allzu wählerisch war ich nicht, denn die Wohnungsnot in Berlin war in den 70igern immer noch groß.

Als Said mir dann in Schöneberg die Wohnung zeigte, war ich nicht gerade begeistert aber wenn man handwerklich ein bisschen geschickt war, würden wir was daraus machen können.
Es handelte sich um eine 4 Zimmer-Parterre-Wohnung im Gartenhaus. Der Name Gartenhaus steht in Berlin für Hinterhof. Angenehme 4.20 Deckenhöhe, Aussicht auf einen riesigen Bauschutthaufen. Der Besitzer war am Renovieren und Sanieren. Die Kachelöfen waren schon `rausgerissen worden, die Therme stand schon irgendwo im Flur herum und Heizungsrohre waren ebenfalls schon angebracht worden.

Unser direkter Nachbar war Rudi. Rudi Huhn. Said hatte ihn auch sofort in sein großes orientalisches Herz geschlossen. Es handelte sich um einen hilfsbereiten allein stehenden älteren Herrn, der jetzt in unser Inventar überging, denn er war eigentlich immer da.

Dann gab es noch weiter oben eine WG mit den Herren, Huster, Kotzer, Schimmelpfennig. Sie lernten wir auch recht bald kennen, denn sie hatten wie auch wir bald Probleme mit dem Vermieter.
In ihrer Wohnung befand sich nämlich im Fußboden solch ein großes Loch, durch das sie sehr gut beobachten konnten, was in der darunter liegenden Wohnung vor sich ging.

Die restlichen Wohnungen waren an Palästinenser und Nigerianer vermietet. Als ich mit dem Putzen der Wohnung begann, stellte ich im Kinderzimmer des Kleinen fest, dass sich die Oberlichtfenster nicht öffnen lassen wollten. Nachdem ich aber all meine Kraft anwandte, ging es auf einmal ganz leicht auf.

Kein Wunder. Nicht Scharniere hielten die Fenster, sondern 15 Zoll-Nägel.
Auch sackte ich in gleichem Zimmer gleich 30 Zentimeter an einer Stelle tief ab. Da fehlte ein bisschen Fußboden. Mein Mann meinte, als ich ihn bat, das sofort zu melden, dass man das doch mit einem Teppich kaschieren konnte. Das wollte ich aber so nicht hinnehmen. Also rief ich bei Herrn.... an. Er wollte sich darum ganz schnell kümmern.


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1. Feb 2010, 18:19

 
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Die Wohnung war ja nicht gerade ein Glücksgriff. :shock:

Ein Loch an der Decke wo man durchsehen konnte,..... :shock: .undwech :shock:

Wurden die Schäden vom Vermieter in Ordnung gebracht?


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1. Feb 2010, 18:33

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Das ist ja der reinste Horror, wenn man das so liest. Hoffentlich wühlt dich
die Erinnerung nicht zu sehr auf.
Aber wenn man noch jung ist, dann macht man viele verrückte Sachen.

Ich kann auch mal eine Schwank aus meiner Jugend erzählen. :-D

Aber deine Geschichte ist so spannend.
Ist denn deine Tochter mit umgezogen, oder wolle sie bei der Oma bleiben.
Wann seid ihr nach Ägypten gegangen??? :love4

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1. Feb 2010, 18:42

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Es wurde nicht repariert, ich hab ne andere Wohnung gesucht.

Meine Tochter ist bei Oma geblieben. Sie begann eine Lehre.

Es wühlt mich nicht auf. Ausser, dass ich immer wieder furchtbar lachen muss, wenn ich das lese.

Es geht weiter.


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1. Feb 2010, 18:45

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Wir hatten auch ganz viel Logierbesuch gleich in der ersten Zeit. Da gab es unter anderem einen homosexuellen Mann, der auch später noch immer kurz vor dem 1.Mai bei uns einflog, weil er direkt in der Wiener Straße in Kreuzberg wohnte und ihm regelmäßig die Scheiben eingeschmissen wurden.

Nach diesen Mai-Festivitäten reiste er dann wieder ab. Dann war da noch ein Typ, der manchmal nur für ein paar Stunden ein ruhiges Plätzchen auf unserem Sofa zum Schlafen suchte, weil er aus der Hausbesetzer-Szene kam und in einem Abrisshaus wohnte.

Dort war ständig die Polizei und er fand diese Unruhe so störend. Ich weiß auch nicht, wo Said immer alle diese Leute kennen lernte. Denn eigentlich war er richtig befreundet mit einem ägyptischen Arzt, einem Besitzer eines Reisebüros und einem Architekten.

Aber es waren auch jede Menge bunter Vögel darunter. Wie der Argentinier Carlos, der immer mit der Mao-Bibel unterwegs war und als Spanisch-Lehrer an der Volkshochschule arbeitete.
Ich erinnere mich noch gut an unsere erste offizielle Einladung zu Kaffee und Kuchen. So richtig deutsch-traditionell hatte ich mir das gedacht.
Nur, es war gegen 16.00 Uhr immer noch niemand da. Als Said dann so richtig Ärger mit mir bekam, holte er die Leute nach und nach persönlich mit seinem Auto ab.

Als die letzten gegen 19.00 Uhr eintrafen, war ich nur nicht mehr bereit, die Gäste zu bedienen. Das konnte dann mein Mann übernehmen. Ich ließ mich nicht mehr blicken.
Meine Güte war ich spießig. Ist mir auch nie wieder passiert.



Mittlerweile kam der Herbst und der Schutthaufen lag immer noch vor Dannis Fenster. Der 1. Oktober nahte, und damit die Heizperiode und wir hatten immer noch keine Möglichkeit unsere Wohnung zu heizen. Ich ließ mich nicht mehr vertrösten und rief bei den Berliner Gasversorgern an.

Da erfuhr ich, dass Herr... gar keine Genehmigung zum Anschließen des Heizkessels im Keller bekommen hatte. Ich fiel fast um. Nun machten Huster, Kotzer, Schimmelpfennig und ich uns auf den Weg zu einem Rechtsanwalt des Berliner Mietervereins und wurden sofort zahlende Mitglieder.

Said war das alles sehr peinlich. Sein Bruder, alle sind irgendwie Brüder, würde die Mängel schon demnächst beheben. Eines Abends, als wir von einem Besuch meiner Mutti nach Hause kamen, vermisste ich das Treppengeländer.

Den Nigerianern, war kalt geworden und sie hatten es abgerissen und ein kleines offenes Lagerfeuer in ihren Wohnungen veranstaltet.
In der Zwischenzeit war ich auf Wohnungssuche gewesen und auch fündig geworden. In einem Außenbezirk hatte ich eine schöne Neubau-Wohnung für uns gefunden.
Als wir auszogen, brachte der Vermieter die Polizei. Denn ich hatte nicht mal dieses Loch gekündigt.
Aber ich erklärte denen, dass ich schon bei Gericht Klage eingereicht hätte, wegen unzumutbarer Zustände und da sind sie denn mit einem bedauernden Kopfschütteln wieder abgezogen.




An die neue Wohnung, die wir nun hatten knüpften sich natürlich Bedingungen. Die Wohnungsbaugesellschaft suchte für die neu erstandene Siedlung jemanden der die Gartenpflege übernahm. Zwar war noch alles mehr oder weniger in Planung aber das war eigentlich der Grund weshalb ich mich bei dieser Gesellschaft um eine Wohnung bewarb. Das wäre doch etwas für meinen Agraringenieur.

Als wir dann den Mietvertrag machen wollten, stellten die auf einmal fest, dass sie im Moment noch keinen Gärtner brauchten, sondern eher einen Hauswart. Da Said natürlich sich nicht um beide Stellen kümmern konnte, erklärte ich mich bereit den Hausmeister Posten zu übernehmen. Mir war so ziemlich alles recht. Hauptsache wir kamen aus dieser schrecklichen Wohnung heraus.

Im Übrigen war es gar nicht so schlimm mit den Aufgaben. Ich hatte nicht zu putzen, sondern war hauptsächlich damit beschäftigt, mit den jeweiligen Firmen zu telefonieren, die noch in der Siedlung zu tun hatten und der Wohnungsbaugesellschaft über den Fortgang der Arbeiten zu berichten.
Also zogen wir ein.

Danni kam einige Zeit nur am Wochenende nach Hause, denn sie wollte in ihrer alten Schule in Zehlendorf bleiben. In der Nähe der Oma, wo wir ja zuerst gewohnt hatten. Die Entfernung betrug ca. 30 Kilometer und da hätte sie ja zu nachtschlafender Zeit aufstehen müssen. Damals gab es ja auch noch die Mauer und sie musste mit der S-Bahn durch den Ostteil Berlins fahren.

An den Bahnhöfen im Osten hielt der Zug zwar nicht an, die Bahnhöfe lagen im Dunkel, waren aber besetzt von einem Stationsvorsteher, der wiederum von einem Grenzpolizisten der DDR bewacht wurde. Die Züge fuhren im Schritttempo durch die Bahnhöfe. Niemand konnte auf oder abspringen. Es war schon ziemlich makaber. Aber als Berliner hatte man sich an so vieles gewöhnt.

Es gab Bahnhöfe, die Oberhalb des Tunnels lagen. der Bahnsteig befand sich im Osten und der Ausgang im Westen. Da konnten auch nur Westler mit dem Zug fahren und der Stationsvorsteher wurde wie gesagt strengstens bewacht. Die Fahrten durch die fünf Bahnhöfe Ost waren eine endlose Zuckelei.
Da war es für Danni einfacher nur am Wochenende bei uns zu sein.


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1. Feb 2010, 20:53

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Du meine Güte, ein Lagerfeuer in der Wohnung. :shock:

Dass in manchen Wohngegenden Haustüren, Treppengeländer, halt alles brennbare Material herausgerissen wurde habe ich schon gesehen, ich dachte sie verbrennen das in einem Ofen.

Erzähl bitte weiter, es ist sooo spannend. :wiwi


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1. Feb 2010, 20:56

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Danke schön, dass es Euch gefällt. Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst.
Es geht weiter.


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1. Feb 2010, 21:00

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Natürlich hatte die Siedlung Kinderkrankheiten, mal ging die Sprinkleranlage los und immer mal wieder war die Heizungsanlage defekt. Aber das konnte mich nicht so erschrecken.

Said wartete immer noch auf seine Einstellung als Gärtner und ich beschäftigte mich mit dem Bau.
Mein Mann kochte, nähte und putzte. Das konnte er gut, und machte es auch gern. Hatte damit auch keine Probleme. Nur seiner Familie schrieb er über die Arbeit als Hausmann nichts.

Sein Studium hatte er sich selbst verdient. Er hatte in Kairo als Taxifahrer, bei einem Schneider und einem Bügler gearbeitet. Er konnte auch stricken und häkeln.
Eines Tages kam ich nach Hause von einem längeren Stadtbummel und da sah ich ihn mit Danni und dem kleinen Said auf dem Boden sitzen. Er hatte sich einen Webstuhl gebastelt und arbeitete nun daran.

Wie Schneider Wippel saß er da mit überkreuzten Beinen auf dem Teppich und webte selbst Flickenteppiche. Danni musste alte Pullover auftrennen und zerschneiden und der Kleine turnte in den Bergen von Wolle und Textilien, die bunt durcheinander im Wohnzimmer sich türmten. Es machte allen viel Spaß.

Mir nicht so, denn die dicken Wollflusen lagen überall auf den Möbeln und es staubte so sehr, dass man husten musste.
Nach ein paar Tagen wurde dieses Hobby dann erst einmal beiseite gelegt und er widmete sich etwas anderem.



Natürlich hatten wir an jedem Wochenende Besuch. Anfangs nur ein Freund mit Frau. War auch wirklich nett. Dann begann es irgendwann, dass er irgendeinen der Ägypter anrief und fragte, ob der denn am Wochenende Zeit hätte.

Na man überlegte hin und her, was man denn kochen könnte. Und so ging es denn los. Said rief Ahmed an, kommt Ihr morgen `rum?
Ahmed sprach mit Chamis. Chamis wir gehen morgen zu Uschi und Said, kommst Du auch? Kannst auch jemand mitbringen. Und machst Du auch ein paar Salate?

Chamis traf jemanden aus der ägyptischen Szene, der wiederum kam mit deutscher Frau und Kindern, nicht ohne zuvor Eizzat anzurufen. Der besaß ein großes Restaurant am Kaiserdamm, brachte auch seine Frau und Fleisch und Gemüse zum Kochen mit. Seine Frau sie war Lehrerin, kannte eine Kollegin sie war Ägypten-Fan. Natürlich kam auch sie nicht allein. Samstagnachmittag gegen 16.00 Uhr wussten wir dann in etwa wie viele Leute wir zu Besuch haben würden.

Da es nun so viele waren, ging Said im Haus von Tür zu Tür um die Hausbewohner zum Essen mit Musik einzuladen. Angefangen bei dem Mannequin aus der dritten Etage. Denn wenn alle eingeladen waren, konnte sich auch niemand beschweren. In der Siedlung wohnten ja noch nicht all zu viele Leute.
Das Lustigste an diesen Gesellschaften war immer, dass wirklich niemand niemanden kannte.

Er schaffte es den Sikh mit dem Turban auf dem Kopf, mit dem Müllfahrer zusammenzusetzen, und dass beide sich auch noch prächtig unterhielten. Der Professor saß neben Carlos dem Revoluzzer und unser Versicherungsmensch neben einem Freund aus dem Tschad.
Und der Palästinenser saß umschlungen mit dem Israeli. Man sprach arabisch, deutsch, spanisch oder auch englisch.

Da es nie Alkohol zu trinken gab und jeder auch zu Essen und zu trinken mitbrachte, war es auch nicht teuer.
Eine Bauchtänzerin war auch stets unter den Gästen und wenn sie zu tanzen begann, dann stieg die Stimmung. Vor unserer Terrasse blieben die Leute stehen und fragten ob hier eine Hochzeit stattfände. Aber es war nur das all samstägliche Miligysche Wochenendfest.

Natürlich wurde den draußen stehenden kurz über die Büsche geholfen und auch für sie war noch etwas zu essen da.
Danni pflegte bei solchen Gesellschaften sich fernzuhalten. Aber ihr Lehrer war immer mit Frau und Kindern dabei.
da gab es dann auch die lustigen Spiele wo jeder aus seiner Heimat etwas singen oder tanzen musste.

Kurz vor Mitternacht brach man auf, nicht ohne vorher abgewaschen und die Küche aufgeräumt zu haben. Das war stets Männersache.
Ich habe mich anfangs gewundert, warum solche Veranstaltungen mit ca. 50 Leuten immer nur bei uns stattfanden. Nachher habe ich es erfahren. Nur bei uns war es gestattet und so gemütlich. Andere Frauen hatten das nicht so gern.

Solltet Ihr wissen wollen, wie wir gesessen haben. Na, Said hatte Matratzen im Keller gesammelt. Die wurden ausgelegt und darauf saß man.
Und am nächsten Wochenende fand das Ganze wieder statt. Aber mit ganz vielen anderen Leuten.


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1. Feb 2010, 21:22

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Na , dann ist dir ja sicher der Kulturschock in Ägypten nicht schwer gefallen, denn ihr habt ja in Berlin schon ein Pharaoleben geführt. :-D :essen

Ich glaube , das hätte ich nicht gekonnt, immer so viele Menschen in der Wohnung.

Du beschreibst es gut..bitte erzähl weiter :wiwi

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1. Feb 2010, 21:44

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Ja bitte! :wiwi


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1. Feb 2010, 22:20

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Also Ägypten war dann doch ein Schock.


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1. Feb 2010, 22:23

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Ja, ich war inzwischen ziemlich neugierig auf die Heimat meines Mannes geworden. Schließlich wollte ich wissen, warum er so vieles so unorthodox machte.

Ich fragte ihn immer wieder, wie es bei ihm zu Hause in Shibin el Kom, einer Stadt im Nildelta aussah. 80 KM von Kairo entfernt.
Ganz normal sagte er dann. Ich hatte überhaupt keine Vorstellungen vom Orient. Ich war mal auf Mallorca gewesen. Aber dieser Urlaub würde wohl was anderes sein.

Ich hatte noch Urlaub zu bekommen und so flogen wir denn im November 1979 nach Ägypten. Für das Visum für mich, fuhren wir extra nach Hamburg zum ägyptischen Konsulat.
Wir hatten damals ein französisches Auto. Eine knallgelbe Ente.
In Hamburg fuhr Said trotz meiner Warnungen durch eine Waschanlage.

Wir blieben stecken. Das Verdeck dieser Sardinenbüchse, war einfach zu hoch. Na Hamburg ist eine schöne Stadt. Wir mussten da übernachten. Aus Geldmangel in einem Fernfahrerhotel.

Wieder zurück in Berlin, packten wir die Koffer nicht ohne dass Said bei seiner Familie in Ägypten anrief und fragte was man zu dieser Jahreszeit dort unten für Sachen zum Anziehen brauchte.
Hat mich sehr erstaunt, schließlich konnte er doch nicht in zwei Jahren Deutschland vergessen haben, wie im November in seiner Heimat das Wetter ist.

Natürlich hatten wir massig Übergepäck, Geschenke für die Familie und Geschenke für andere Familien in Ägypten von ägyptischen Familien in Berlin.
Ich sagte immer wieder, dass wir die nie durchbekamen oder nur mit ganz viel Geld für den Zoll. Ich solle mich mal hinsetzen und ganz ruhig bleiben. Er würde das mit den läppischen 60 KG schon regeln. Und wirklich, er fragte sämtliche Rucksacktouristen die mit der Maschine über Budapest fuhren, ob sie was für ihn mit durch den Zoll nähmen.

Ägypter brauchte er nicht zu fragen, die hatten selbst so viel zu tragen.
Natürlich schaffte er das. Keine Frage. Mir war das total peinlich und ich wäre am liebsten versunken, da auf meiner Bank.
Strahlend kam er wieder zurück, nicht ohne mit ganz vielen seiner Helfer Adressen auszutauschen, dass die alle kostenlos seine Familie besuchen konnten.
Endlich hob der Flieger ab und es konnte losgehen ins Abenteuer.



Wir flogen von Ostberlin nach Kairo mit Zwischenlandung in Budapest. Das war der billigste Flug nach Ägypten.
Mitten in der Nacht flogen wir Kairo an. Der Blick auf die erleuchteten Pyramiden bei Gizeh war sensationell.

Ich weiß es noch ganz genau, es war 2.30Uhr und wir hatten die Zollkontrolle gerade verlassen.
Beim Hinunterlaufen von der Gangway waren mir lächelnde schwer bewaffnete Soldaten aufgefallen, die unterschiedliche Schnürsenkel in den Stiefeln hatten.

Auf uns wartete Nura die Cousine meines Mannes. Sie war Studentin und verdiente sich ihr Geld beim Bodenpersonal von Egypt Air.
Sie begrüßte mich äußerst herzlich in englischer Sprache und wollte mit Said in den Duty Free Shop um Parfüm zu kaufen. Sie besorgte einen Koffercaddy und wir packten dort alles hinauf. Said sagte ich solle schon mal zum Ausgang gehen. Aber ich war so fasziniert von den Menschen um mich herum.
Leute mit Turban, Saudis und Kuweitis, Jemeniten, Frauen total verschleiert, alles wuselte um mich herum. Dazu das laute arabisch.
Es war überwältigend.

Ich lief nun ein Stückchen weiter auf den Ausgang zu, da hörte ich auf einmal einen Sprechchor immer "Uschi, Uschi" rufen. Ich war verwundert.
Da standen ganz viele Männer Frauen und Kinder, die meinen Namen riefen.
Das war die Familie meines Mannes. Hände griffen durch den Zaun, der uns trennte. Man griff nach meinem Kopf um mich zu küssen, meine Arme wurden immer länger so wurde daran gezogen.
Endlich kam Said und wir liefen durch die Sperre. Said wurde begrüßt wie der verlorene Sohn.

Ja und nun wurde in arabisch, englisch, französisch auf mich eingeredet.
So temperamentvoll hatte ich mir die Begrüßung nicht vorgestellt. Mein Schwager Abdallah, der mal als Austauschstudent in Nordrhein-Westfalen ein Jahr verbracht hatte, sprach noch ein paar Worte deutsch.
Ich weiß, ich bin nie in meinem Leben zuvor dort gewesen, aber trotz der fremden Sprache, hatte ich das Gefühl, ich käme nach Hause.


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2. Feb 2010, 00:19

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Ja, ich kann dir gut nachfühlen. Die Menschen haben eine andere Mentalität und die Familie hat einen soo großen Zusammenhalt, den wir Deutsche nicht kennen und pflegen.
Man ist einfach fasziniert und überwältigt.
Hattet ihr den kleinen Said auch mit??? Heute müsste er so alt wie mein Sohn
sein, 1979 geboren.

Bin schon gespannt wie es weiter geht. Du musst unbedingt ein Buch schreiben :knuddel

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2. Feb 2010, 09:15

 
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Ca. 50 Besucher jeden Samstag!!! :shock :shock :shock :shock
Wenigstens haben die Männer nachher das Geschirr abgewaschen und aufgeräumt!!

Wie dein Mann die vielen Geschenke über den Zoll gebracht hat, das war auch toll!!
Und ich finde es sehr schön, wie überschwenglich ihr von seiner Familie begrüßt worden seid. :-D


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