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Eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindheit

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29. Jan 2010, 15:29

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 Eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindheit
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Wer die Geschichte von der Stalinallee kennt, weiß dass ich im Westberlin der 50iger Jahre aufgewachsen bin. Es war wirklich eine politisch spannende Zeit.

Die Freunde meiner Eltern wohnten in Ostberlin und vor dem Mauerbau konnte man ja von hüben nach drüben, so wie man wollte. Zwar guckten Volkspolizei, Stasi und DDR-Zoll immer in der S-Bahn nach Menschen die über die Grenze wollten. Aber überall konnten sie denn doch nicht sein.

Viele Ostberliner nutzten die S – Bahn zur Flucht in den Westen. In Marienfelde gab es das große Westberliner Aufnahmelager, das Tausenden von Menschen aus der Ostzone vorübergehend Obdach bot, bis sie in weitere Auffangstellen in die Bundesrepublik Deutschland mit dem Flugzeug gebracht wurden.

Mein Vater hatte Dienst, er war bei der Westberliner Polizei und meine Mutti war mit ihrer Freundin zu einer Dampferfahrt im Berliner Osten verabredet. Es sollte an den größten See Berlins gehen, an den Müggelsee. Meine Mutti war eine sparsame Frau, und so hatte sie Buletten, Kartoffelsalat und alles eingepackt, was man so für einen Ausflug brauchte. Da man Geld umtauschte und der Kurs 1:8 stand, war eine Fahrt in den Ostberliner Gewässern eben günstiger als über den Wannsee zu plätschern.

Man konnte nicht miteinander telefonieren, Telefonate zwischen Ost und West wurden überwacht und wer besaß schon ein Telefon? So konnte man sich nur Postkarten schreiben oder bei einem vorherigen Treffen etwas Neues verabreden.
Als wir bei der Freundin meiner Mutti ankamen, regnete es fürchterlich. Die Dampferfahrt fiel buchstäblich ins Wasser.
Doch es gastierte gerade der berühmte Ostberliner Zirkus Busch in der Stadt. Zirkus war früher eine Sensation. Also fuhren wir mit der S-Bahn dorthin.

Aber es gab für den Nachmittag keine Karten mehr und so mussten wir wieder nach Hause fahren. In der Einkaufstasche hatte meine Mutter immer noch die Buletten und den Kartoffelsalat.
Die Bahn fuhr die letzte Station im Berliner Osten an. Die nächste war der ANHALTER BAHNHOF und wir wären im Westen gewesen.

Da tippte ein Herr im Trenchcoat meiner Mutti auf die Schulter und sagte: "Unauffällig aussteigen, bitte."
Mir rutschte das Herz ich weiß nicht wohin. Sah uns mal wieder verhaftet. Man sah sich immer verhaftet.
Meine Mutter wurde in ein Häuschen auf dem Bahnhof begleitet, wo man sie gewissenhaft untersuchte und befragte und ich kam in Dienstraum des Zugabfertigers der ebenfalls mit Volkspolizei und Zollbeamten besetzt war. Auch ich wurde befragt. „Nein, ich kam nicht aus der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Ich kam aus Westberlin“. Wurde zum Beruf meines Vaters befragt und warum wir in die Hauptstadt gekommen waren. Sie waren aber trotzdem sehr freundlich. Und dann durfte ich gehen. Meine Mutti hatte auch ihre Aussagen gemacht und erlöst fuhr man gen Westen.

Wenn ich jetzt über 50 Jahre später überlege, dass doch meine Eltern jedes zweite Wochenende eventuell diese Schikanen auf sich genommen haben nur um ihre Freunde zu sehen, frage ich mich ob die jungen Menschen von heute auch noch willens wären Freundschaften unter ähnlichen Umständen zu führen.


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30. Jan 2010, 04:05

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Das waren Methoden um die Bevölkerung einzuschüchtern. :wut

Aber erzähl nur weiter, ich lese gerne wahre Geschichten. :)


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30. Jan 2010, 13:20

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 Der erste Besuch im Ostteil der Stadt Berlin nach Mauerbau
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Im Oktober 1964 konnten nach dem Mauerbau zum ersten Mal die Westberliner Anträge stellen, um ihre Verwandten 1. oder 2. Grades im Ostteil der Stadt zu Weihnachten zu besuchen.

Ich war damals jung verheiratet 17 Jahre alt und mit Danni hochschwanger. Die gesamte Familie meines Mannes lebte in der Ostzone, wie man sagte oder in Ostberlin. Nur er und seine Mutter hatten 1955 alles drüben stehen und liegen gelassen und waren nur mit einer Einkaufstasche gefüllt mit etwas Wäsche zum Wechseln und wichtigen Papieren per S-Bahn in den Westteil der Stadt geflüchtet.

Die Anträge für den Besuch gab es an einem Wochenende in einigen Westberliner Schulen. Angenommen wurden sie durch Stasi-Leute, die man in DDR Post-Uniformen gesteckt hatte.
Stundenlang musste man sich dafür anstellen. Übernachtungen vor den Gebäuden in Zelten nicht ausgeschlossen.

Ich weiß noch, dass meine Schwiegermutter sich mit meinem Mann immer wieder beim Warten ablöste. Da ich angeheiratet war, durfte ich mit einreisen.
Es ging um das Treffen von Bruder und Schwester meines Mannes. Der Besuch der Westberliner sollte zu Weihnachten gestattet werden. Sechs Wochen später, als man schon dachte, es würde überhaupt nicht klappen, rauschten wieder die kleinen Barkas-Busse Made in GDR an und die vermeintlichen Postangestellten besetzten die Schulen um nun die Genehmigungen auszuhändigen.

Das dauerte noch länger als bei der Antragstellung. Es war sehr nervenaufreibend. Viele warteten wieder die ganze Nacht durch.
Inzwischen waren die Verwandten im Osten der Stadt per Brief informiert und man sollte sich am Prenzlauer Berg in der kleinen Wohnung der Tante meines Mannes treffen.

Als es dann am ersten Weihnachtsfeiertag soweit war, kann ich Euch gar nicht beschreiben was da an der Bornholmer Brücke los war. Der Übergang war vorgegeben. Es gab zwei Durchgänge. Auf dem einen Schild stand BÜRGER DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND und auf dem anderen EINWOHNER WESTBERLINS. Das allein war schon diskriminierend.

Dann Passkontrolle, Zollkontrolle, kleine Sperre, große Sperre, enger Mauerdurchgang. Endlich sahen wir die Familie meines Mannes ganz hinten stehen. Bewacht von einem Pulk von Grenzern. Die Emotionen schlugen hoch. Lachen und Weinen. Die Familie kam aus allen Ecken der DDR zusammen. Ich kannte ja niemanden, doch man war lieb und freundlich zu mir und ich wurde genau so gedrückt und in die Arme genommen. Genau um Punkt 0.00 Uhr stand man wieder an der deutsch deutschen Grenze in der Hoffnung, dass es nicht das letzte Mal gewesen sei.


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31. Jan 2010, 06:53

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Da werden auch bei mir Erinnerungen wach. :wiwi

Im Sommer 1966 war ich zum ersten Mal in Ost-Berlin.

Und bei der Rückkkehr in den Westen bin ich fast verhaftet worden ....

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22. Apr 2010, 21:16

 Re: Noch eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindhei
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Das klingt ja nicht gerade prickelnd - Papierkrieg, nur um die Verwandten über Weihnachten besuchen zu dürfen. Endlose Probleme, nur um von A nach B zu kommen. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft hätte, so eine Freundschaft aufrecht zu erhalten, da bin ich mal so ehrlich.


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23. Apr 2010, 12:03

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 Re: Noch eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindhei
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Und es ging ja halt nicht nur um Freundschaften, sondern um Verwandte 1. und 2. Grades zu besuchen. Was den Bundesbürgern zwar gestattet wurde aber den Westberlinern nicht.
ich erinnere mich noch an die zwei Löcher in der Mauer. Über einem stand geschrieben:

BÜRGER DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND und über dem anderen:

EINWOHNER WESTBERLINS.

Während die Bundesbürger einen PERSONALAUSWEIS ihr eigen nennen konnten, besaßen wir etwas, wo draufstand:

BEHELFSMÄSSIGER PERSONALAUSWEIS

Das alles allein war schon diskriminierend.

Ich habe die kuriosesten Geschichten nur beim Übertreten dieser Grenzen erlebt.


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23. Apr 2010, 12:57

 Re: Noch eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindhei
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Wird ja immer gemeiner, als wären Berliner Menschen zweiter Klasse :(.


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23. Apr 2010, 15:23

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 Re: Noch eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindhei
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Ja, das waren wir Westberliner auch. Zumindest in der Weltpolitik.


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19. Mai 2010, 13:31

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 Re: Noch eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindhei
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Wir fuhren ab und zu mal nach Westberlin über eine der Transitstrecken, was auch immer ein Erlebnis war!
Schon durch all die Trabis auf der Straße!
Man musste sich haargenau an die Geschwindikgeitsbegrenzungen halten, wehe, wenn nicht!
Mein Lebensgefährte ist Pfeifenraucher und hatte im Auto vorn eine Vorrichtung für drei Pfeifen, in der bereits gestopfte lagen - ein Pfeifenraucher wechselt in Abständen seine Pfeifen aus.
An der Grenze zum Transit der DDR "Scherge" mit unbewegtem Gesicht - das sie damals wohl einüben mussten, um alle Klassenfeinde einzuschüchtern - zu mir:
Rauchen Sie auch Pfeife?
Nein, sagte ich, ein Pfeiferaucher hat immer mehrere Pfeifen bei sich.
Es ging ein wenig hin und her, aber ich hatte auch das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, entweder, weil ich nicht Pfeife rauchte oder weil mein Freund das tat.
Umso seltsamer, dass am Tag der Maueröffnung, an dem wir zufällig in Berlin waren, die Grenzbeamten total freundlich waren!
Es war in diesen Tagen hoch spannend gerade in Berlin!
Einer meiner Söhne fing gerade an, dort zu studieren und konnte allerlei erzählen.
Einer seiner Kommilitonen aus Ostberlin musste sein DDR Studium, wie so viele, nach der Maueröffnung über den Haufen werfen und von vorn anfangen.
Er hatte "Marxistisch Leninistische Marktwirtschaft" studiert, was natürlich alles sagt!
Wir gingen an diesem Tag in der Ostberliner Straße "Unter den Linden" spazieren und ich staunte über die Buchläden, die seltsame Namen hatten.
Die verschwanden ja auch ziemlich schnell von der Bildfläche!
Ich habe mir damals schon gedacht, dass die Maueröffnung für viele Menschen in der DDR existenzvernichtend sein könnte, was dann ja auch eintrat.
Anfangs aber war die Stimmung toll, eine Euphorie, wie sie wohl nur zu vergleichen ist mit dem Ende des zweiten Weltkrieges, als die Amerikaner einmarschierten.
Tempi passati!

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The world is so full of a number of things,
I'm sure we should all be as happy as kings.
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21. Mai 2010, 19:15

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 Re: Noch eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindhei
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Ja, das waren aufregende Zeiten. Ich erinnere mich noch an den Plan, ganz Westberlin in die Lüneburger Heide zu verlegen. Weiß aber nicht mehr welcher Politiker die Idee dazu hatte. :totlach


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21. Mai 2010, 19:21

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 Re: Noch eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindhei
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Dann wären Soltau und Uelzen jetzt Berliner Stadtteile! :shock:

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21. Mai 2010, 19:27

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 Eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindheit
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So ungefähr :totlach


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8. Jun 2011, 10:50

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 Re: Eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindheit
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Das erinnert mich jetzt an einen Schwager von mir. Der war LKW-Fahrer und mit einem Transport Erdbeeren nach Berlin unterwegs - quer durch die Zone.

Die Grenzer waren zu jener Zeit noch nicht von jener eiskalten Höflichkeit wie später, sondern hatten einen echt unmenschlichen Kasernenhofton drauf.

Ich sage jetzt mal spontan: Gesindel-Gesox!

Denn politische Gegnerschaft muss man ja nicht an LKW-Fahrern auslassen.

Vor allem nicht, wenn dieser LKW-Fahrer ein Arbeiter und Bauer war, wie mein Schwager.

Anyway, mein Schwager wurde im Verhör-Ton gefragt, wo die Erdbeeren denn herkämen.

Die korrekte Antwort wäre wohl gewesen:

"Aus der verkommenen und verrotteten spätkapitalistischen und neokolonialistischen BRD, dem Feind jeden Friedes!"

Oder so was in der Art ....

Mein Schwager aber sagte einfach: "aus dem Badischen" ...

Was jenes Gesindel-Gesox dann nicht verstund .... :mrgreen:

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8. Jun 2011, 10:58

 Re: Eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindheit
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Das war schon schlimm, dass es so viel Unverständnis auf beiden Seiten Deutschlands früher gab.


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29. Jul 2016, 11:08

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 Re: Eine Geschichte aus dem geteilten Berlin meiner Kindheit
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Berlin ist immer eine Reise wert! :nick

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